Berichte der Hochtourengruppe

Kletterklassiker im Wetterstein 28.07.-03.08.2018

Ende Juli fahren Christian Barthel und ich für eine Woche mit dem Camper nach Garmisch. Mit Schlafsack und Isomatte steigen wir zum Stuibensee zwischen Alpspitze und Hohem Gaif auf, um am nächsten Morgen den langen Blassengrat bis zum Jubiläumsgrat in Angriff zu nehmen. Unsere Biwaknacht unter freiem Himmel wird vom einsetzenden Regen getrübt, der uns fünf Stunden lang bis zum Morgengrauen durchweicht. Als wir zum Hohen Gaif (Beginn des Grates) aufsteigen, reißen die Wolken auf und der Fels beginnt abzutrocknen. Anfangs klettern wir die anspruchsvolleren Stellen gesichert, verzichten aber im Folgenden darauf, weil der Grat nicht wirklich schwer ist. Einige Abseilstellen und ein schönes Stück Reiterei auf der Gratkante bringen Abwechslung ins Geschehen. Der Blassengrat bietet anhaltende Genusskletterei an der teils richtig ausgesetzten Gratkante ohne jegliches Gehgelände. Bis zum Erreichen des Jubiläumsgrates sind darum Kondition und Konzentration gefragt. Der Rückweg über die Alpspitze hinunter zum Osterfelderkopf zieht sich nochmal gewaltig. Bevor wir die letzte Seilbahn ins Tal nehmen, genehmigen wir uns wie immer noch ein Bier in der Sonne.

Nach einem Ruhetag am schönen Riessersee oberhalb von Garmisch fahren wir hinauf zum Eibsee und übernachten im Camper, um am nächsten Morgen einen neuen Klassiker an der Zugspitz-Nordwand zu klettern. Die „Eisenzeit“ ist eine vor einigen Jahren wiederentdeckte und neu eingerichtete Klettertour mit zwei Stellen im unteren 4ten Grad, die anfangs den Steigspuren der Erbauer der Zugspitzbahn von 1928-30 bis hinauf zu den Tunnelfenstern IV folgt. Von dort beginnt die eigentliche Kletterei zum Riffelwandkamm.

Um vier Uhr folgen wir bei Vollmond und im Licht der Stirnlampen den Gleisen der Zugspitzbahn bis hinauf zur Station Riffelriss. Der weitere Weg führt uns vorbei an der alten Sprengseilbahn über ein ausgesetztes Band in eine breite und steiler werdende Flanke. Dort hinein haben die Bauarbeiter in den zwanziger Jahren einen ausgesetzten Steig gehauen, auf dem sie bis auf 2350 m Höhe kamen. Dort, in der fast senkrechten Felswand, legten sie Kavernen zum Wohnen an und trieben von da aus den Tunnelstollen in Richtung Zugspitzblatt weiter voran. Auf dem Weg in die Höhe passieren wir marode Stahlseilversicherungen und die Harakiri-Leiter. Diese zusammen mit dem herumliegenden verrosteten Werkzeug gaben der Kletterroute den Namen „Eisenzeit".

Video Eisenzeit Teil 1

Nachdem wir den langen Kavernentunnel hinter uns gelassen haben, steigen wir am letzten Fenster hinaus in die brüchige Wandflucht. Ab hier sind Orientierungssinn und Nerven gefordert, denn die Wand ist riesig und man ist ständig im brüchigen Absturzgelände unterwegs. Da die neue Route an den anspruchsvolleren Stellen mit gebohrten Ständen eingerichtet wurde, nehmen auch wir unser Seil und klettern die folgenden Seillängen immer abwechselnd mit seilfreien brüchigen Querungen hinauf zum Kamm. Nach einer sonnigen Brotzeit seilen wir zum Höllental-Klettersteig ab und folgen diesem bis hinauf zum von Touristen überfüllten Zugspitzgipfel. Am frühen Nachmittag geht eine wirklich lohnende und ausgesprochen interessante Klettertour zu Ende.

Video Eisenzeit Teil 2

Beim Baden im schönen Riessersee finden wir dann auch unser letztes Kletterziel dieser Woche: die weithin sichtbare markante Nordostkante am Zwölferkopf. Die Zwölferkante ist eine alpine Route im vierten Grad über zehn Seillängen, deren Abstieg vom Gipfel zur Höllentalangerhütte ebenfalls anspruchsvolles Gelände quert. Gewittriges Wetter lässt uns den geplanten Klettertag verschieben, was uns die Möglichkeit eines Erkundungsaufstieges beschert. Also steigen wir die tausend Höhenmeter an den Wandfuß auf und suchen den Einstieg. Die Beschreibungen aus der Literatur sind nicht leicht auf das Gelände zu übertragen und so entscheiden wir uns für einen Routenstart, der sich am Folgetag als deutlich schwierigere Variante herausstellen wird.

Nach der ersten Seillänge rätseln wir darum, an welcher Stelle der Routenbeschreibung wir gelandet sind und ob wir uns überhaupt in der Nähe der Route befinden. Planlos gehe ich darum eine steile und für mich zu schwere Verschneidung an, an der ich scheitere. Chris übernimmt und ich habe für die nächsten Seillängen meine Mühe ihm frei kletternd zu folgen. Stunden später finden wir den ersten, in den 90ern gebohrten Stand und haben nun keine Mühe mehr der herrlichen Kletterroute zu folgen. Die oberen Passagen bieten wunderbare Kletterei an steilen und griffigen Platten, bevor es in die Gipfelschlucht geht. Leichtes Gehgelände führt uns danach zur Christusstatue auf dem Gipfel. 850 Höhenmeter unter uns sehen wir die Hütte, zu der wir über steiles, teilweise wegloses Schrofengelände und brüchige Felspassagen absteigen müssen. Auch dabei muss jeder Schritt sitzen, denn ein Stolpern hätte hier fatale Folgen. Glücklich und erschöpft erreichen wir am späten Nachmittag die Hütte und genehmigen uns Spaghetti Bolognese und ein Bier. Den Abschluss bildet der schöne Weg durch die Klamm, bevor wir uns mit dem Camper auf den Heimweg machen.

Video Zwölferkante